Meine Umkehr


Mein geistliches Leben verlief in drei Phasen. Als ich etwa fünfundzwanzig Jahre alt war, bekehrte ich mich bei einer damals noch zahlreichen Zeltevangelisation. Dieser Schritt folgte auf ein jahrelanges Suchen nach der Wahrheit und dem Sinn des Lebens. Dieses unaufhörliche Forschen war mir ein wichtiges Anliegen soweit ich mich zurückbesinnen kann. Schon während meiner Schulzeit las ich den beileibe nicht kleinen Schunken von Sigmund Freund und glaubte, der Wahrheit über das menschliche Leben auf der richtigen Spur zu sein. Auch wenn ich nur den kleinsten Teil verstand, so las ich Freud's Geisteserguss begeistert zu Ende. Natürlich, am Schluss angekommen, war ich so schlau wie vorher. So ging es mir noch einige male in anderen verschiedenen Geistes-Richtungen, bis ich dann eines schönen Tages bei den östlichen Philosophien und Religionen landete. Fasziniert, was die Gurus so alles be-werkstelligen konnten, übte ich fleissig und hart Konzentration und andere Fertigkeiten, welche für die seelische Entwicklung angepriesen wurde. Ich erinnere mich genau, wie ich auf die vielverwendeten Begriffe 'Lebenskraft' und 'Lebensenergie' stiess, aber auf die essen-tiell wichtige Frage, was das denn für lebensspendende Energien und Kräfte seien, wie sie entstehen und wirken, fand ich nirgends eine befriedigende Antwort. Bald reduzierte sich mein hartnäckiges Suchen nur noch auf diese beiden für mich wichtigen Wortbedeutungen. Lange ging es, bis ich verzweifelt aufgab und es mir bewusst war, dass mein unersättlicher Wissendurst hier nicht gestillt werden kann.

Auch den kurzen Abstecher in die weisse Magie fehlte natürlich nicht. Dort stiess ich dann auf Aussagen in der entsprechenden Literatur wie 'und ihr werdet sein wie Gott'. Entnervt nahm ich Abstand von dieser geistigen Richtung, denn solche Aussagen waren dann doch deutlich daneben. 'Sein wie Gott'? –  nein, das war zu viel. Also nach dieser Odyssee landete ich dann in einer Zeltevangelisation. Natürlich nicht ohne, dass ich mich mit dem Thema des Evangeliums eingelesen habe, hatte ich doch schon viel im schulischen Religionsunterricht gelernt. (Dieser Unterricht damals in der Volksschule kommt mir heute noch zugute!) Also, in dieser Zeltmission wusste ich, um was es geht.

Ich war verheiratet und wir hatten zwei kleine Kinder. An einem Abend bekehrte ich mich und am nächsten Sonntag gingen wir mit der Person, welche uns für diesen Abend eingela-den hatte in den Gemeindegottesdienst. Dort freute man sich, einen Zuwachs zu bekom-men. Man freute sich mit uns, und es wurde gesagt und gepredigt, dass wir jetzt neue Men-schen sind. Menschen, die den alten Adam überwunden haben und alles neu wurde. Nun seien wir wiedergeboren. Da freuten wir uns in nicht geringem Masse und in dieser Begeiste-
rung wollte ich schon mal die ganze Welt bekehren. Wiedergeboren – alles neu! Aber was heisst denn das? Wiedergeboren und 'alles neu'? Schon in kurzer Zeit fragte ich mich, was denn neu sein sollte. Ein grosses emotionales Erlebnis hatte ich keines, also ich wusste beim besten Willen nicht, was jetzt in meinem Leben neu sei. Oder kann man das gar nicht so schnell erkennen, weil es geistig ist? Ja, das wird wohl so sein. So besuchte ich weiter diesen Gottesdienst und erforschte aus den Predigten heimlich das Wesen der Wiedergeburt und dem 'alles neu'. In einem Gespräch mit einem alten Bruder, aus dem die Liebe Gottes aus dem Gesicht abzulesen war, antwortete mir auf eine Frage, welche ich aber nicht mehr weiss: "Wenn Du dann wiedergeboren bist …" – "Wiedergeboren? Mein lieber Ernst, ich bin wiedergeboren!" fiel ich ihm ins Wort. Er schaute mich dann mit einem Ausdruck von Liebe und Besorgnis, aber voller Geduld lange in die Augen – und sagte nichts mehr. Bruder Ernst (diesen Namen hatte er nicht umsonst!) sagte mit diesem Blick mehr, als tausend Worte reden können. Viele Male noch waren wir beisammen in Gebetsstunden und Hauskreise. Etwas zog mich an ihn, ich wusste aber nicht, was es war. Einmal nur riet er mir, ich solle den Jakob Lorber lesen, was ich zur Kenntnis nahm, dann aber wieder vergass.

Nun, mit meinem geistlichen Leben ging es nicht so richtig vorwärts. Meine Seele war noch dieselbe wie vor der Bekehrung, mein Leib mit allen seinen Lüsten und Begierden auch. Aber ich war wiedergeboren! Oder doch nicht? Wenn der Pastor das sagt, dann wird es schon stimmen. So gingen etwa zwei Jahre ins Land und ich fühlte mich als Korinther, der zwar einiges von der Bibel und von Jesus wusste, aber Jesus nicht kannte und ich spürte, dass sich im geistlichen Leben nichts regte. Aber etwas anderes regte sich. Der Hang, wieder zu rau-chen, die Zornesausbrüche, welche sich nie ganz gelegt haben, flammten plötzlich starker auf als früher und ich war demgegenüber gänzlich machtlos. Andere Laster und schlechte Gewohnheiten stellten sich ein und jetzt im Nachhinein ist es mir klar, was geschah: die feh-lende persönliche Verbindung mit Jesus im Herzen. Der böse Geist, der auszog kehrte zurück und als er ein sauberes Haus gefunden hatte, nahm er sieben andere mit, welche schlimmer waren als er. Genauso geschah es. Und es sollte noch schlimmer kommen. Meine Frau litt unter meinen Eskapaden über zwanzig Jahre bis es ihr zu bunt wurde und sich von mir trenn-te.

Dann, als ich über fünfzig Jahre auf dem Buckel hatte, interessierte ich mich plötzlich für Nahtoderlebnisse aufgrund eines Berichtes in einer Zeitschrift. Im Internet stöberte ich nach mehr Beispielen und dann entdeckte ich einen Link 'Jakob Lorber'. Ganz dunkel erinnerte ich mich an diesen Namen und es dauerte lange, bis ich ihn mit dem Bruder Ernst vor fast 30 Jahren in Verbindung brachte. Ich klickte und dieser Klick veränderte nun mein Leben vol-lends.

Ich las drei von den elf Bänden vom Grossen Johannesevangelium und immer wieder kam mir das Augenwasser, so tief berührte es mich. Lange arbeitete es in mir, ja, es rief sogar in mir, jetzt endlich Ernst zu machen und all das, was ich hier lese, in die Tat umzusetzen. Dann, eines Tages, ich war von Beruf Fernfahrer, kletterte ich mit vierzig Tonnen auf der Südseite den Gotthardpass hoch. Etwa in der Mitte – ich erinnere mich noch wie es gestern gewesen 
wäre – fasste ich den Entschluss: "Jesus, ich will es! Ja, ich ändere mein Leben, jetzt und unverzüglich und absolut kompromisslos. Ich weiss, was ich verliere und weiss nicht genau, was ich gewinne. Jetzt, Jesus, komme ich zu Dir!" In diesem grossen Johannesevangelium - es unterscheidet sich in Nichts vom Johannesevangelium der Bibel, ausser dass es viel ausführ-licher ist – wird mit so klaren und unmissverständlichen Worten darauf hingewiesen wie wichtig es sei, mit allen den vergänglichen Reizen, Gewohnheiten und Laster dieser Welt zu brechen und das Leben ganz und total auf Jesus auszurichten. Darum, ich wusste, dass ich das Rauchen, den Fernseher, die Zeitung und alles andere, was mir noch lieb war, aus mei-nem Leben 'verlieren' werde, aber ich wusste nicht, welche Herrlichkeiten auf mich warte-ten.

Und so handelte ich. Zigarette zum Fenster raus, Radio abgeschaltet (und nie mehr eingeschaltet!) vorgenommen, dass am Samstag, wenn ich nach Hause komme, den TV entfernen werde, und die Zeitung abbestellen, denn das Treiben dieser Welt mit ihrem sowieso verlogenem System, wird mich ab jetzt nicht mehr interessieren. Das alles funktionierte einwandfrei, nur mit dem Rauchen hatte ich viel mehr Mühe als erwartet. Aber auch das funktionierte schlussendlich.

Nun, wie ich mir das alles vorgenommen hatte, erreichte ich mit dem schweren Gefährt das Portal des siebzehn Kilometer langen Tunnels. Wie ich in diesen schmalen Stollen einfuhr, kam eine riesige emotionale Welle der Freude und der Glückseligkeit über mich. Alle Tränen die ich beim Lesen bis jetzt zusammen vergossen habe, kamen diesmal zehnmal stärker wie-der. So ganz nebenbei hatte ich das Gefühl, dass ich mich in einer riesigen Gefahr befinde. Beide Seiten etwa siebzig Zentimeter Platz, achtzig Kilometer die Stunde, leichte Kurven, Gegenverkehr und tränenblinde Augen. Ich erinnere mich, dass plötzlich ein Gefühl der Freude speziell wegen der Gefahr zusätzlich über mich kam, was ich aber nicht so richtig begriff. Gut, die lange Strecke brachte ich unverständlicherweise ohne Unfall hinter mich und dann war es aber mit dieser emotionalem Erlebnis fast zu Ende, es klang langsam ab und mir wurde plötzlich bewusst, in welcher Riesen-Gefahr ich schwebte. Dann wurde mir klar und unmissverständlich hell, dass in dieser Zeit ein Engel seine Hand am Lenkrad gehabt hat und mich auf wunderbare Weise durch diesen langen Tunnel führte.

Es wurde mir bald auch klar, wie und warum diese Emotion entstand. Es war die Freude des Himmels (in uns!), dass ein Sünder umgekehrt ist.

Das war die zweite Phase. Das Suchen hatte ein Ende, das wusste ich nun zweifelsfrei. In der Folge las ich die restlichen Bände des Grossen Johannesevangeliums zu Ende und jede Er-kenntnis setzte ich sofort in die Tat um. Alles transformierte ich in den Alltag. Ich löste mich von allem materiellem was nicht überlebenswichtig ist. Ich verschenkte alles, bis noch genau einundneunzig Gegenstände mein Besitzstand umfasste, Löffel, Socken und Kugelschreiber eingerechnet. Was mir das alles brachte, kann ich gar nicht beschreiben. Da fehlen ganz ein-fach die Worte. Heute darf ich sagen, Jesus, der in mir lebt, hat die Welt überwunden. Ich habe nicht nur keine Freude an all diesen weltlichen Reizen mehr, sondern mich beschleicht
ein Eckel, wenn ich nur daran denke. Jesus hat mich zubereitet, dass das Samenkorn des Himmelreiches ein optimales Umfeld vorfand und dementsprechend schnell keimen und wachsen kann.

Nach vier Jahren habe ich auch den Beruf aufgegeben und lebe heute im Einklang mit der Natur, auch wenn der weltliche und materielle Stress mich zeitweise einholen will, so stellt dies aber keinen Faktor im Leben mehr dar. Seit etlichen Monaten hat der Geist Gottes mir die Erkenntnis gegeben und mir seinen Willen gezeigt, nichts mehr zu bedürfen, als nur Jesus allein. Alles andere liegt ja ohnehin in Seinen Händen. So durfte ich mich aller Furcht und aller Sorgen entledigen – und nur eine einzige Sorge ist mir geblieben: Die Sorge, in jeder Situation nur den Willen Gottes zuerkennen und nichts mehr zu wollen, was ich aus mir sel-ber will. Dieses Gebet und dieser Wunsch ist natürlich eine Gabe Gottes. Liebe Gott mit dei-nem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Gemüt, das können wir nicht aus uns selbst. Das ist Führung und Kraft und hat die Ursache allein in der Liebe und Gnade Gottes.

Und so darf ich mich jetzt freuen, dass die dritte Phase in meinem geistlichen Leben begon-nen hat, und das ist eine besondere Gnade. Jesus hat mich beschenkt mit der Geistesgabe der Erkenntnis. Damit wartet eine neue Aufgabe auf mich. Und bei dieser Aufgabe gibt es nun keine Handlung und keine Tat mehr, welche nicht von Gott befohlen wird.

Es ist unnötig zu sagen, dass eine Geistesgabe niemals irgendein Vorrecht oder eine Beloh-nung ist. Ein Geschenk Gottes können wir Menschen niemals auf welche Weise auch immer, verdienen. Es bleibt immer ein Gnadengeschenk. Darum, was mir widerfahren ist, ist einem jeden Menschen möglich. Nicht eine besondere Bildung, sondern eine einzige 'Bedingung' nur ist zu erfüllen:

"Liebe Gott mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Gemüt"


und aus dieser Liebe hervorgehend: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"

Hans Künzle