Mittwoch, 24. Dezember 2014

Mystik praktizieren I


Das Glaubensleben hat mit dem weltlichen Alltagsleben eines gemeinsam: Alles, was man lernt, will umgesetzt werden, sonst macht alle Mühe keinen Sinn. Bibellesen und Kirche besuchen – alles vergebene Mühe, wenn man das Gelesene oder Gehörte nicht umsetzt. So ist es auch mit der Mystik, dem einzig wahren Glaubensweg. Wie schon im letzten Aufsatz erwäht, hat ein Mystiker, dessen Name nicht bekannt ist, im 14. Jahrhundert den folgenden Text geschrieben und gilt heute noch als die beste und einfachste Basis zum Einstieg in die Mystik. Die Schrift „Die Wolke des Nichtwissens“ mit dem „Brief persönlicher Führung“ stelle ich in 4 Teilen zur Verfügung. Danach wollen wir ein Werk kennenlernen, das dann in ungeahnte Tiefe der Wahrheit und Weisheit führt.


Brief persönlicher Führung 

Ein Meister unterweist seinen Schüler


1.       Der Weg zur Gotteserfahrung

Prolog

Lieber Freund, ich schreibe diesen Brief nicht für die Öffentlichkeit, sondern nur für dich ganz persönlich. Ich möchte mit dir den inneren Weg zur Gotterfahrung besprechen, so wie wir ihn kennen. Wollte ich für alle schreiben, müsste ich die Sache viel grundsätzlicher darstellen. Da ich aber nur dir persönlich schreibe, beschränke ich mich auf das, was im Augenblick für dich am wichtigsten ist. Sollte ein anderer ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie du und in diesen Zeilen Hilfe und Anregung finden, würde ich mich freuen. Doch augenblicklich denke ich nur an dich und deinen inneren Weg, wie er mir bisher deutlich wurde. Die folgenden Seiten gelten also dir und solchen, denen es ähnlich geht.


Inneres Schweigen als Gebet

Willst du also beten, vergiß alles, was du getan hast oder vorhast zu tun. Weise alle Gedanken ab, gleich ob gute oder böse. Gebrauche beim Beten keine Worte, es sei denn, du fühlst dich innerlich dazu gedrängt. Betest du aber doch mit Worten, so kümmere dich nicht darum, ob es viele oder wenige sind. Beachte sie nicht, denke nicht daran, was sie bedeuten. Mache dir auch keine Gedanken um die Art des Gebetes. Es ist völlig gleich, ob es offizielle liturgische Gebete sind wie Psalmen, Hymnen, Wechselgesänge oder Fürbitten, und auch, ob du nur in Gedanken betest oder vernehmlich. Nur eines habe im Sinn: in deinem Herzen eine einfache, tiefe Sehnsucht nach Gott zu hegen. Denke nicht darüber nach, wer oder was er ist oder wie er sich in seinen Werken offenbart. Ruhe in dem einfachen Bewußtsein, daß er „ist”. Ich bitte dich, laß ihn so, wie er ist. Versuche nicht, ihn genauer zu erfassen und tiefer einzudringen, sondern bleibe in schlichtem Vertrauen verwurzelt in Gottes Sein wie in festem Grund. Diese von allen Gedanken freie Aufmerksamkeit, die im Vertrauen wurzelt und gründet, wird dich von allem Denken und Wahrnehmen frei machen und dir nur das reine Bewußtsein und das dunkle Innesein deines eigenen Daseins lassen. Dein ganzes Empfinden aber ist erfüllt mit lauterer Sehnsucht nach Gott, die spricht:

Mein Sein bringe ich dir, Herr,
ohne nach einer deiner Eigenschaften zu fragen.
Ich schaue nur darauf: Du bist.
Nur das habe ich im Sinn, sonst nichts.


Laß tiefe Dunkelheit dein ganzes Bewußtsein erfüllen und es wie ein Spiegel sein, in den du schaust. Ich möchte gern, daß das Bewußtsein deiner selbst so unmittelbar und einfach sei wie dein Bewußtsein von Gott, damit du geistig eins mit ihm bist, ohne daß du innerlich gespalten und zerstreut wirst. Gott ist dein Sein, und in ihm bist du, was du bist. Nicht nur, weil er der Grund und das Sein der Welt ist, sondern weil er dein eigener Grund und die Mitte deines eigenen Seins ist. Bei dieser Übung der Sammlung halte von dir selbst nichts anderes im Bewußtsein, als was du von ihm im Bewußtsein hältst, das heißt: Verbleibe in der einfachen Bewußtheit, daß er „ist“ und daß du „bist“. So werden deine Gedanken nicht gespalten noch zerstreut, sondern in dem geeint, der alles ist.

Vergiß aber nie den Unterschied zwischen ihm und dir. Er ist dein Sein, doch du bist nicht das seine. Es ist wahr, daß alles in ihm existiert als Quelle und tragender Grund des Seins und daß er in allem ist, als Ursache und Sein. Und doch bleibt ein wesentlicher Unterschied bestehen: Er allein ist sein eigener Grund und sein eigenes Sein. Wie nichts ohne ihn dasein kann, so kann er nicht ohne sich selbst sein.

Er ist sein eigenes Sein und das Sein alles Geschaffenen. Deshalb ist er der „ganz Andere“, einzigartig und verschieden von allem, was geschaffen ist. Gerade darum ist er der Eine in allem, und alles ist eins in ihm. Ich wiederhole: Alle Dinge haben ihr Dasein in ihm, er ist das Sein aller Dinge. Laß also dein Denken und Fühlen auf ihn hin eins werden, indem du versuchst, alles Nachdenken über ihn und über dich aufzugeben. Halte dein Denken leer, dein Fühlen un-abhängig und dich selbst in reiner Gegenwärtigkeit, damit Gnade dich anrühren und dich kräftigen kann mit der Erfahrung der wirklichen Gegenwart Gottes. Diese Erfahrung bleibt allerdings in diesem Leben immer dunkel und bruchstückhaft, damit deine Sehnsucht nach ihm immer neu geweckt wird. Schau voll Freude zu ihm auf, und sage deinem Herrn in Worten oder in einfacher Sehnsucht:

All mein Sein bringe ich dir, Herr, denn du selbst bist es im Tiefsten.“

Tue nichts anderes, sondern ruhe in diesem reinen, einfachen Bewußtsein: Ich bin.


Die Einfachheit der Übung

Es ist nicht schwer, diese Art des Denkens zu beherrschen. Selbst ein einfacher Mensch ohne große Bildung kann dies leicht erlernen. Manchmal lächle ich still vor mich hin, mit einem Anflug von Traurigkeit, wenn ich merke, daß es Menschen gibt, die meinen, ich würde dich und andere in eine sehr schwierige, hohe und skurrile Sache einführen, die nur für große, gelehrte Köpfe verständlich sei. Wohlgemerkt, dies sagen nicht die einfachen Menschen ohne Bildung, sondern Gelehrte und berühmte Theologen. Diesen möchte ich sagen, ihre Auffassung sei zu bedauern und gäbe Aufschluß über den inneren Zustand derer, die sich Gott geweiht haben. Außer dem einen oder anderen Freunde Gottes sind heute fast alle durch eine unkontrollierte Jagd nach der neuesten Theologie oder nach den Erfindungen der Naturwissenschaft so blind geworden, daß sie den Sinn dieser einfachen Übungen nicht mehr verstehen. Eine Übung so einfach, daß selbst ein Mensch ohne Bildung dadurch zu wahrer Vereinigung mit Gott finden kann in der erfüllenden Ungeteiltheit vollkommener Liebe. Leider können jene verbildeten Menschen das kaum verstehen, so wenig wie ein Schulanfänger die schwierigen Gedanken gescheiter Theologen. In ihrer Blindheit bezeichnen sie stets eine so einfache Übung als unverständlich und schwer begreiflich. Prüften sie diese dagegen nüchtern, so würden sie feststellen, daß sie schlicht und einfach ist wie der Unterricht für Anfänger.

Diese Übung ist wirklich leicht, und ich halte den für geistig behindert und schwach im Kopf, der nicht sein eigenes Sein wahrnehmen kann. Es geht nicht darum zu begreifen, wie und was er ist, sondern zu gewahren, daß er ist. Eine solch elementare Selbstwahrnehmung scheint sogar der dümmsten Kuh oder dem vernunftlosesten Tier möglich zu sein. Hier scherze ich natürlich, denn wir können nicht sagen, das eine Tier sei dümmer oder vernunftloser als das andere. Doch der Mensch sollte seine Einmaligkeit wahrnehmen. Er steht in der Schöpfung einzig da, weit über den Tieren als das einzig vernunftbegabte Wesen.

Versuche dich darum in deine innerste Tiefe einzulassen, und erfahre dein wahres Selbst auf diese einfache, grundlegende Weise. Andere meinen das gleiche, wenn sie entsprechend ihrer Erfahrungsweise vom „Gipfel des Geistes“ sprechen und dieses Erkennen als „höchstes menschliches Erkennen“ bezeichnen. Denke also nicht daran, „was” du bist, sondern „daß“ du bist. Zu erkennen, was du bist, bedeutet große geistige Anstrengung. Es setzt viel Nachdenken und wache Selbstbeobachtung voraus. Du hast dies mit Gottes Hilfe schon eine Zeitlang getan, und du kennst dich bereits ein wenig. Du weißt in etwa, was der Mensch ist und wie schwach und elend du bist aufgrund der Sünde. Aus eigener Erfahrung weißt du, wie es uns Menschen infolge unserer Sündhaftigkeit geht. Doch vergesse es und denke nicht darüber nach, es könnte dir nur schaden. Statt dessen besinne dich darauf, daß du eine angeborene Fähigkeit hast, dein schlichtes Sein wahrzunehmen, und daß dir dies möglich ist, ohne ein geborenes Genie oder ein Gelehrter zu sein.

Vergiß also deine Unzulänglichkeit und dein Versagen. Halte nur dies eine im Bewußtsein: Du bist. Ich setze voraus, daß du dir deine Schuld hast vergeben lassen, wie es die Kirche verlangt. Keinem würde ich sonst erlauben, diesen Weg zu beschreiten. Hast du aber alles in dieser Hinsicht getan, dann mach dich auf, magst du auch die Last deiner Sünden und deiner Schwachheit spüren, vielleicht so sehr, daß du nicht weißt, was du tun sollst. Das hat nichts zu sagen. Tu, was ich dir nun rate:

Nimm den guten, gnädigen Gott in seinem Sein, wie er ist, und lege ihn gleichsam als Heilverband um dein krankes Selbst, so wie es ist. Ich kann es auch anders ausdrücken:

Halte Gott einfach dein krankes Selbst hin, und laß deine Sehnsucht sich aufmachen, ihn in seinem Sein zu berühren. Denn ihn berühren heißt heil werden. So sagt ja die Frau im Evangelium: „Wenn ich nur sein Gewand berühre, werde ich heil.“ Sie wurde leiblich geheilt, du aber wirst durch diese Übung von deiner geistigen Krankheit geheilt, wenn du dich in Sehnsucht nach Gott ausstreckst, um ihn in seinem Sein zu berühren, ihn, den du liebst.

Mach dich also mutig auf und nimm diese Arznei. Halte ganz einfach dein krankes Selbst Gott hin in seinem Sein. Laß alles Grübeln und anstrengendes Denken über dich und ihn bleiben, vergiß alle Einzelheiten. Höre auf zu überlegen, was gut oder schlecht ist, natürlich oder übernatürlich, göttlich oder menschlich. Nichts ist jetzt wichtig außer dem einen, daß du Gott in freudiger Liebe die dunkle Wahrnehmung deines reinen Seins anbietest, damit er dich mit seiner Gnade an sich ziehen und dich im Innersten mit sich einen kann, dein Sein mit seinem Sein.

Störende Gedanken

Sicher werden deine ungeduldigen Sinne und dein ruheloser Intellekt versuchen, dich zu stören. Denn wenn du mit dieser Übung beginnst, finden sie keine Nahrung mehr. Sie werden dich drängen, irgend etwas zu tun, was sinnvoll erscheint, d. h., was ihnen besser schmeckt. Dir kommt es so vor, als vergeudest du deine Zeit, weil du etwas tust, was sie nicht gewohnt sind und was entschieden ihre Fähigkeiten übersteigt. Ihre Unzufriedenheit ist ein gutes Zeichen, denn sie beweist, daß du nach Geistigerem unterwegs bist. Das freut mich. Denn wir können wirklich nichts tun, weder mit unseren geistigen noch leiblichen Fähigkeiten, was uns Gott so nahebringt und uns so sehr von der wertlosen Welt der Dinge entfernt wie dieses schlichte, stille Wahrnehmen unseres reinen Seins, das wir Gott frohen Herzens darbringen. Bleibe gelassen, wenn deine Sinne und dein Denken dich bewegen wollen aufzuhören, nur weil sie von diesem Tun nichts haben. Gib nicht nach. Bleibe Herr über sie, indem du dich trotz ihres Drängens weigerst, ihnen Nahrung zu geben. Mit „Nahrung geben“ meine ich, daß du ihnen erlaubst, sich wißbegierig mit Einzelheiten deiner selbst zu beschäftigen. Dann hätten sie ja etwas zu kauen. Solche Betrachtungen sind zu ihrer Zeit sinnvoll und richtig. Wo es jedoch um die dunkle Wahrnehmung deines Seins und deren Hingabe an Gott geht, führen sie zu einer Aufspaltung und Zersplitterung der inneren Einheit, die doch Voraussetzung ist für die tiefe Vereinigung mit Gott. Bleibe daher gesammelt, und halte dich in der innersten Mitte deines Geistes auf. Laß unter keinen noch so triftigen Gründen deine Sinne und dein Denken tätig werden. Höre, was Salomo seinem Sohn sagt:

Ehre den Herrn mit deiner Habe, nähre mit der Erstlingsfrucht die Armen. Dann füllen sich mit Korn deine Speicher, und deine Fässer quellen über von Wein.

Salomo sagte dies seinem Sohn, doch es gilt auch für dich. Wir müssen dies im geistigen Sinn verstehen. Ich möchte es dir an seiner Statt erklären.

Lieber Freund, gib das ruhelose, bohrende Fragen deines Verstandes auf. Ehre den Herrn, deinen Gott, mit deinem ganzen Wesen. Bringe ihm dein wahres Selbst dar: dich völlig und ganz, wie du bist und was du bist. Nimm keinen Bereich deines Seins gesondert heraus. Dann wird deine Aufmerksamkeit nicht gespalten, und deine innere Wahrnehmung bleibt frei und offen. Sonst gefährdest du die Ungeteiltheit deines Herzens und damit dein Einswerden mit Gott.

Es heißt:„Nähre mit deiner Erstlingsfrucht die Armen.“ Das bezieht sich auf das, was dir zuallererst durch Natur und Gnade bei deiner Erschaffung gegeben wurde und sich bis heute in dir entfaltet hat. Alle dir von Gott geschenkten Gaben, gleichsam Früchte, sind nicht für dich allein, sondern für deine leiblichen und geistigen Brüder und Schwestern, um sie im Wachstum zu fördern. Das Wichtigste, was dir nun geschenkt ist, gleichsam deine Erstlingsfrucht, ist dein eigenes Sein: Es ist das erste, was jedes Geschöpf empfängt. Alle anderen Talente und Fähigkeiten sind so eng mit deinem Sein verbunden, daß sie letztlich nicht davon getrennt werden können, denn ohne daß du existierst, gäbe es auch sie nicht. Darum darf deine Existenz als „erste aller Gaben” bezeichnet werden, weil sie einfachhin ist. Dein schlichtes Sein sollte deshalb deine „Erstlingsfrucht“ genannt werden.

Gehst du die edlen Fähigkeiten und hohen Auszeichnungen deines Menschseins sorgfältig durch - der Mensch ist ja das edelste aller Wesen -, gelangst du schließlich zum Grund menschlichen Erkennens und findest dich wieder dem reinen Sein gegenüber. Regt dich die Betrachtung dieser Fülle an, Gott zu lieben und zu loben, ihn, der dich mit einem solch reichen Leben beschenkt,

überlege, was daraus folgt. In einem ersten Schritt könntest du dir sagen: „Ich bin, sehe und fühle, daß ich bin. Ich lebe nicht nur, sondern ich besitze auch vielfältige Talente und Fähigkeiten.“ Hast du sie dir alle aufgezählt, dann könntest du in einem zweiten Schritt alles in einem Gebet zusammenfassen, wie etwa diesem:

Mein Sein und wie ich bin,
biete ich dir an, o Herr,
mit allem, was du mir an Natur und Gnade gabst.
Ich biete dir alles an, um dich damit zu loben
und meinen Brüdern und mir selbst zu helfen.“


Fährst du in dieser Betrachtung fort, bis du zum Grund des Erkennens vorgestoßen bist, wirst du dich auf deinem Seinsgrund wiederfinden in der reinen Wahrnehmung und bildlosen Schau deines eigenen Seins. Daher kann dein eigenes Sein allein die „Erstlingsfrucht” genannt werden.

Du siehst also: Dein nacktes Sein ist der wesentliche Grund all deiner anderen Entfaltungen. Alle hängen davon ab. Nun bist du an einen Punkt gekommen, wo es dir nicht länger nützt, dich mit einzelnen deiner Fähigkeiten zu beschäftigen und deine Aufmerksamkeit auf sie zu richten. Das hast du bereits lange genug und sehr gründlich getan. Von jetzt ab genügt es, Gott mit deinem reinen, ungeteilten Sein aufs höchste zu verherrlichen. Biete ihm nun deine Erstlingsfrucht an, dein reines, nacktes Sein. Das ist das „endlose Opfer des Lobes“ für dich und alle Menschen. Die Liebe verlangt nichts anderes. Halte diese Wahrnehmung deines Seins frei von allem Denken an dessen Eigenschaften. Leere dein Bewußtsein von allen Einzelheiten des Seins und das anderer Geschöpfe. Solche Gedanken entsprechen jetzt nicht mehr deinem Bedürfnis. Weder fördern sie dein Wachstum, noch bringen sie dich und andere der Vollendung näher. Laß sie, sie helfen dir nicht. Jetzt genügt dir die dunkle, allgemeine Wahrnehmung deines Seins in ungeteiltem Herzen. Diese läßt dich heranwachsen und bringt dich und die ganze Menschheit der Vollendung näher. Glaube mir, diese Übung ist besser als hohe Gedanken.


Gib dich ganz hin

Was ich gesagt habe, läßt sich belegen mit den Worten der Heiligen Schrift, mit dem Beispiel Jesu und dem gesunden Menschenverstand. Wie alle in Adam das Leben verloren, als er sich der Liebe versagte, die ihn mit Gott verband, so werden alle durch Christi Passion zu göttlichem Leben finden, wenn sie ihrem Verlangen nach Heil durch Treue zu ihrem Lebensweg Ausdruck verleihen. Christus gab sich selbst ganz hin, als vollkommenes und letztgültiges Opfer. Er suchte nicht die Rettung eines bestimmten einzelnen, sondern gab sich selbst für alle hin ohne jeden Vorbehalt. In einer alles umfassenden Liebe machte sich Christus ohne Einschränkung zu einem wahren und vollkommenen Opfer, damit alle Menschen so tief wie er mit dem Vater eins würden.

Niemand hat eine größere Liebe, als wer sich selbst zum Wohl seiner leiblichen oder geistigen Brüder und Schwestern hingibt. Nun hat die Seele höheren Rang als der Leib. Darum ist es wichtiger, sie durch die Nahrung der Liebe mit Gott zu verbinden, der ihr Leben ist, als durch leibliche Nahrung den Leib mit der Seele zusammenzuhalten, mit der Seele, die das Leben des Leibes ist. Natürlich mußt du den Leib ernähren. Gibst du aber nicht gleichzeitig deiner Seele Nahrung, hast du fast nichts getan. Harmonie von Leib und Seele sind gut, doch die Seele steht höher im Rang. Ein gesunder Leib für sich kann nicht zum Heil finden, doch eine gesunde Seele, selbst in einem kranken Leib, kann nicht nur gerade eben zum Heil, sondern zu dessen ganzer Fülle gelangen.